Sicher ist nicht mehr sicher. – Was hilft gegen die Angst?

Es ist gemein, sich über die Angst der Ängstlichen lustig zu machen (im Bezug auf das Theatherstück).

Unter dem Schock von Gewalt wird vielen Menschen bewusst, dass für sie Sicherheit die wichtigste Voraussetzung der Freiheit ist. Heißt das Einschränkung der Freiheit, um die Sicherheit zu gewährleisten? Jedenfalls wächst die Bereitschaft bei vielen, die Rechte für die Einzelnen einzuschränken und mehr Gewalt für den Staat zu fordern. Der Philosoph Sören Kierkegaard hat geschrieben: „Angst ist das Schwindelgefühl der Freiheit.“

Das Geschäft mit Angst und Sicherheit


Verwirrend ist, dass Wissenschaftler zu dem Ergebnis kommen, dass die gefühlte Unsicherheit bei den Menschen in Europa größer ist als die tatsächliche Unsicherheit.

Jedenfalls boomt das Geschäft mit Angst und Sicherheit. So kann man es den Reportagen des ZDF entnehmen. Private Sicherheitsfirmen sichern Diskotheken, Firmen und Wohngegenden gegen gute Bezahlung. In einer nicht allzu großen Stadt bietet eine Sicherheitsfirma Rentnern die Begleitung bei Gängen zur Bank an. Auch die einfachen Leute brauchen ihre Bodyguards. Die Prominenten können sich ohne Personenschutz schon lange nicht mehr in die Öffentlichkeit wagen.

Ich erinnere mich, dass der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann gelegentlich vom Leben im offenen Strafvollzug sprach, wenn es um seine Sicherheitsbegleitung ging.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb unter dem Titel „Wohnst du noch oder wachst du schon?“ über „gated communities“ – die geschlossenen Wohnanlagen, die es in den USA zu zigtausenden gibt, auch in vielen Ländern Europas sehr häufig – und mehr und mehr auch in Deutschland, obwohl sie hier noch umstritten sind. Ohne Kontrolle am Tor kommt man nicht auf das Wohngelände. Videoüberwachung reicht da nicht mehr aus. Es geschehe eine „Abtrennung der Erfolgreichen“ lesen wir da. Ob es wirklich schützt, ist umstritten. Jedenfalls geschieht eine „Befriedung des Unsicherheitsgefühls“.

Die gesichtslose Angst

Wahrscheinlich ist die Welt nicht gefährlicher geworden als in früheren Zeiten. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich allerdings in Europa und Nordamerika mit dem Fortschritt von Wissenschaft und Technik die Illusion aufgebaut, wird hätten jetzt oder demnächst alles unter Kontrolle. Alles ist beherrschbar – die Krankheiten, die Natur mit ihren Katastrophen, die Zukunft, der Weltraum.

Mit dem Angriff auf die Türme des World Trade Centers in New York stürzte dieser Sicherheitswahn ein. Der Tsunami am 2. Weihnachtstag 2004 tat ein Übriges. Dass die armen Länder regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht wurden und zigtausende starben, daran hatte man sich gewöhnt. Dass auch eine moderne amerikanische Großstadt wie New Orleans in Sturm und Fluten versinken konnte, gab dem überheblichen Sicherheitsgefühl der volltechnisierten Überflussgesellschaft den Rest.

Bisher hatte man sich wenigsten darauf verlassen können, dass Verbrecher die Ergebnisse ihres Verbrechens genießen, also das Verbrechen überleben wollten. Nun stellte man mit Schrecken fest, dass weder Armeen noch Polizei noch Geheimdienste gegen Selbstmordattentäter schützen konnten. Das löste Angstzustände aus, die vorher mühsam und halbwegs erfolgreich unter der Decke gehalten werden konnten.

Man redet von einer „gesichtslosen Angst“ oder einer „diffusen Angst“. Man weiß nicht, woher sie kommt. Man weiß gar nicht richtig, ob sie tatsächlich begründet ist. Aber sie hat Tausende im Griff und macht sie krank. Die Ärzte berichten, dass viele Menschen mit Folgeerscheinungen dieser Angst in die Sprechstunden kommen.

In dieser Lage greifen die Menschen nach Betäubungsmitteln aller Art. Viele vermuten, dass Religion auch eine beruhigende Wirkung hat. Karl Marx hat bekanntlich schon vor langer Zeit behauptet, dass Religion das Opium des Volkes sei. Er meinte, dass dadurch die durch die Ungerechtigkeit verursachten Schmerzen betäubt werden sollten.

Wie ist das mit dem christlichen Glauben? Hilft er gegen die Angst?

„In der Welt habt ihr Angst.“

Am letzten Abend vor seiner Verhaftung und Hinrichtung hat Jesus sehr intensiv mit seinen Schülern geredet. Im Johannesevangelium Kapitel 16, 32 – 33 lesen wir:

„Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, daß ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein laßt. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Jesus verspricht nicht, dass seine Nachfolger keine Angst haben werden. Er stellt sachlich fest: In der Welt habt ihr Angst. In der Welt gibt es Gefahren. Das sind Engpässe, bei denen wir nicht wissen, ob wir durchkommen. Das erzeugt ein Gefühl der Enge, nämlich die Angst. Das ist ganz normal. Das ist sogar hilfreich. Das Angstgefühl warnt uns vor der Gefahr.

Das Alarmsystem

Angst ist wie der Schmerz. Beide sind nicht schön, aber notwendig. Der Schmerz signalisiert, dass da irgendwo eine bedrohliche Sache im Körper ist, gegen die man was unternehmen muss. Gut, wenn man die Warnung rechtzeitig zur Kenntnis nimmt und die Ursache findet.

Wenn ein Mensch keine Schmerzen empfindet, hat er kein Warnsystem gegen Gefährdungen in seinem Körper. Das kann lebensgefährlich sein.

Wenn allerdings das Warnsystem dauernd Alarmsignale sendet, obwohl es gar keine Gefahren gibt, dann ist irgendetwas mit dem Warnsystem nicht in Ordnung. Es gibt krankhafte Angstzustände, für die brauchen wir die Hilfe eines Arztes. Diese Zustände müssen wir von dem normalen Angst-Warnsystem unterscheiden.

Mut oder Tollkühnkeit

Was sagt uns Jesus über den Umgang mit der Angst? „Seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Das griechische Wort für „getrost“ heißt auch „mutig“. Das Wort „überwunden“ bedeutet auch „besiegt“. Mut ist eine wichtige Eigenschaft in gefährlichen Zeiten. Mut müssen wir von Tollkühnkeit unterscheiden. Wer zu viel Alkohol getrunken hat, kann die Realität nicht richtig einschätzen. Er macht dann tollkühne Sachen und riskiert sein Leben, weil er kein Angstgefühl hat. Mut ist etwas anderes. Der Mutige kann die Gefahr nüchtern beurteilen. Aber er sieht gute Gründe, nicht wegzulaufen, sondern der Gefahr standzuhalten und gegen sie anzugehen.

Jesus leugnet nicht, dass es viele Gründe gibt, Angst zu haben. Aber er hat am Kreuz die Macht des Bösen und in der Auferstehung die Macht des Todes besiegt. Es gibt also gute Gründe, standzuhalten und vorwärts zu gehen. Jesus verspricht kein Leben ohne Angst. Aber er verspricht ein Leben mit Mut und Zuversicht. Er gibt genug Stärke, um nicht zu flüchten, sondern standzuhalten.

Vor Jahren hat einer der bekanntesten deutschen Psychologen und Ärzte, Prof. Dr. Eberhard Richter, ein Buch über die Ursachen und Folgen der Angst geschrieben. Es hatte den Titel „Flüchten oder Standhalten?“ Er hat darin beschrieben, wie wir vor der Angst in die Hörigkeit von Menschen fliehen, um dadurch vor ihnen geschützt zu werden. Für diesen Schutz verkaufen wir unser Gewissen und tun die schrecklichsten Dinge. „Es wurde ja von oben angeordnet“, heißt es dann als Entschuldigung.

Oder wir stürzen uns in soziale Aktivitäten, um uns andere Menschen zur Dankbarkeit zu verpflichten. Wir behaupten, es geschähe aus Liebe und Fürsorge. Aber es geschieht aus Angst vor der drohenden Einsamkeit. Für den Fall der tödlichen Einsamkeit versuchen wir, Menschen an uns zu binden. Die Mutter kann ihre erwachsen werdenden Kinder nicht loslassen. Nicht wenige Menschen versuchen sich vor allen Dingen selber zu helfen, indem sie helfende Berufe ergreifen. Sie sind dann Teil des Problems, sollten aber Teil der Lösung sein.

Jesus hatte Angst

Wir lesen im Lukas-Evangelium (22, 44), dass Jesus in der Nacht vor seiner Verhaftung in der Ölbaumplantage Gethsemane betete – offensichtlich in großer Angst: „Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“

Die Bibel verschweigt das nicht. Warum sollte sie auch? Wir lesen über Jesus: „Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes. Denn worin er selbst gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.“ (Brief an die Hebräer, Kapitel 3, 17-18)

Jesus kennt sich aus – mit Angst und Sterben. Aber er ist der Sieger.


Die letzte Todeseinsamkeit ist die Quelle aller Angst. Der Tod ist der letzte und schlimmste Engpass. Weil Jesus damit fertig geworden ist, ist er für uns der Grund zu Mut und Getrostheit.

„Fürchtet euch nicht!“

Abends am Tag seiner Auferstehung begegnet Jesus seinen aus Furcht eingeschlossenen Jüngern. Wir lesen im Johannesevangelium, Kapitel 20, 19 – 21:

„Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“

Die Furcht hatte die jungen Männer veranlasst, sich irgendwo in der Altstadt von Jerusalem zu verbarrikadieren. Das ist kennzeichnend für unsere Gesellschaft. Wir leben in einer Gesellschaft der aus Furcht verschlossenen Türen. Nicht nur dass wir unsere Haustüren und Wohnungstüren mit raffinierten Sicherungssystemen schützen. Wir verschließen auch unser Leben aus Angst, andere könnten zu viel wissen. Sie könnten unsere Schwächen kennen und ausnutzen. Wir sehnen uns nach Liebesbeziehungen und verschließen die Türen der Herzen gegeneinander. Wenn wir sie dann mal leichtfertig und vertrauensselig öffnen, machen wir vielleicht sogar eine böse Missbrauchserfahrung. Das reicht dann wieder für Jahre. Tür zu!

Was tut Jesus gegen diese einschließende Angst? Er tritt einfach mitten in den Raum und sagt: „Friede sei mit euch!“ Er bringt den Geängsteten den Frieden Gottes. Er hat am Kreuz alles Trennende und Isolierende am eigenen Leib erlitten und erledigt. Die Sünde, die Trennung von Gott, ist im Grab geblieben. Zum Beweis der Liebe und des Friedens zeigt Jesus die Wundmale vom Kreuz an Händen und an der Seite seines Körpers. Eigentlich gehört das gar nicht mehr zu seinem Auferstehungsleib. In Gottes neuer Schöpfung gibt es keine Wunden und keine Schmerzen mehr. Aber Jesus trägt sie doch noch wie Erkennungszeichen der Liebe und des Sieges.

Er beweist den Angstgeplagten, dass er die schreckliche Einsamkeit und Angst durchlitten und überwunden hat. Jetzt bringt er den Frieden Gottes. Jetzt schließt er die Geängstigten in seine Arme.

Bewegungsfreiheit

Das schafft Überwindung der Angst. Wie sehr die einschließende Angst besiegt ist, zeigt Jesus gleich mit dem nächsten Satz: „Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Der Sieg bringt die Bewegungsfreiheit. Jesus schickt seine Jünger mit einem rettenden Auftrag in die Welt.

Es ist nicht genug, dass sie ihre eigene Haut retten. Sie sollen jetzt unerschrocken für andere arbeiten. Sie sollen Boten des Friedens Gottes werden. Sie sollen helfen, dass viele Menschen aus der Verschlossenheit der Gottesferne und Angst befreit werden. Die Menschen sollen die gleiche Freude mitten in einer Welt von Drohungen und Angst erleben, wie die Jünger sie an diesem Abend erlebt haben. Wir lesen nämlich: „Da wurden die Jünger froh, dass sie den herrn sahen.“

Wenn Sie die Bibel lesen, wird Ihnen auffallen, wie oft Jesus zu Menschen sagt: „Fürchte dich nicht!“ Dieser Satz ist oft der Beginn einer Beauftragung. Einen seiner bekanntesten Jünger, den Fischer Simon Petrus, hat er so berufen: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ (Lukasevangelium, Kapitel 5, 10)

Die Angst, die wir heute in Europa erleben, ist die Quittung für unsere Vermessenheit. Wir haben uns eingebildet, wir könnten das Leben und die Welt unter unsere Kontrolle bringen. Wir haben uns als die Götter aufgespielt und besonders die Wissenschaftler und Ärzte in ihren Kitteln zumindest für Halbgötter gehalten. Wir haben gedacht, wir wären endlich auf Nummer Sicher.

Nun erleben wir, wie dieses Wahngebilde zusammenstürzt. Die Angst jagt uns und macht uns krank. Wir wollten die Freiheit. Und nun haben wir Angst vor der Schutzlosigkeit in der Freiheit. In diesem Zustand werden wir leicht die Beute von Diktatoren aller Art.

Uns wird niemand retten als der Schöpfer und Herr dieser Welt. Er hat uns geschaffen. Wir sind dafür geschaffen, in Verbindung mit ihm das Leben zu wagen, die Risiken einzugehen, den Gefahren standzuhalten, die Aufgaben zu bewältigen.

Zuversicht und Stärke

Das Volk Israel kannte den lebendigen Gott, der sich uns allen in Jesus Christus gezeigt hat. Und mitten in der Angst betete das Volk Gottes, wie wir heute beten: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns betroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins meer sänken, wenngleich wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.“ (Psalm 46, 2-4)

Im alten Volk Israel wurde Gott mit dem Hirten einer Herde verglichen. Die Leute kannten den gefährlichen Überlebenskampf, den Hirten mit ihren Herden gegen gefahrliche Hyänen und andere Raubtiere zu bestehen hatten. Sie wussten: Das Leben ist kein Kinderspielplatz. Darum beten wir, wie Israel gebetet hat:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal – damit das dunkle Todestal gemeint - , fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich – das sind die Werkzeuge des Hirten, deren Geräusche die Herde erkennt -. Du bereitest vor mir einem Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immmerdar.“ (Psalm 23)

Was für ein Vertrauen mitten in der Gefahr! Die Feinde rücken an, aber der Herr deckt in aller Ruhe den Tisch mit guter Speise. Er füllt das Glas bis oben an. Keine Angst. In der Gegenwart des barmherzigen Gottes feiern wir ein Festmahl mitten in der Welt von Lebensfeindschaft und Angst. Und wo die Angst uns erniedrigen, klein und hässlich machen will, da zeichnet Gott uns mit Menschenwürde aus („Du salbest mein Haupt mit Öl“). Die Salbung mit Öl geschah in Israel bei der Berufung in einer der höchsten Ämter des Volkes – zum König, zum Priester oder zum Propheten.

Der Mensch, der sich selber anmaßt, wie Gott zu sein, der keinen über sich anerkennen will, wird von der gesichtslosen Angst gestürzt, erniedrigt, klein und hässlich gemacht. Aber der allmächtige Gott, der sich erniedrigt, bespucken und foltern läßt, am Kreuz schreit und stirbt, der holt uns aus der Tiefe der Erniedrigung heraus. Der stellt uns auf die Beine. Der stärkt uns den Rücken, damit wir mitten in der Welt der Angst Mutmacher werden. Wenn wir diesen Gott als Zuflucht haben, müssen wir in den Ängsten des Lebens nicht fliehen. Wir dürfen mutig leben und getrost sterben. Nichts kann uns von Jesus trennen.


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